Der Klang von Venedig - THE SOUND OF VENICE
Laufzeit: 01.01.2024 - 01.06.2025
Partner: Hochschule Mainz, in collaboration with Conservatorio di Musica Agostino Steffani – Castelfranco, Veneto supported by Institut für Mediengestaltung – img, Hochschule Mainz DAAD – German Academic Exchange Service
Förderung durch: Erasmus, IMG
Kurzfassung
Was ist der Klang einer Stadt / Qual è il suono di una città? / What is the sound of a city?
Maurilio Cacciatore, Paulo Ferreira-Lopes, Hartmut Jahn, Dabniel Seideneder
Was ist der Klang einer Stadt? Es ist keine romantische
Frage, sondern die Suche nach einer Identität
durch die ikonischen Klänge der Vergangenheit und
Gegenwart.
Venedig – Venezia – Venice vor allem mit den Ohren gesehen:
in der Zusammenarbeit des Conservatorio Castelfranco
und der Hochschule Mainz erschließen sich
Erfahrungsräume,...Was ist der Klang einer Stadt / Qual è il suono di una città? / What is the sound of a city?
Maurilio Cacciatore, Paulo Ferreira-Lopes, Hartmut Jahn, Dabniel Seideneder
Was ist der Klang einer Stadt? Es ist keine romantische
Frage, sondern die Suche nach einer Identität
durch die ikonischen Klänge der Vergangenheit und
Gegenwart.
Venedig – Venezia – Venice vor allem mit den Ohren gesehen:
in der Zusammenarbeit des Conservatorio Castelfranco
und der Hochschule Mainz erschließen sich
Erfahrungsräume, erste Annäherungen, Formen des
Scheiterns und letztlich audio-visuelle Kompositionen,
deren Konzepte besonders im Klang begründet sind.
Casanova, Nietzsche, Thomas Mann, Brodsky, Donna
Leon u.v.a. zeichnen ein textlich mediales Bild von Venedig,
Roman und Poesie, alles scheint gesagt und visuell
beschrieben – unser ästhetischer Muskel ist der Hörsinn
und da ist noch vieles ungehört.
In unseren Projekten werden verschiedene Themen
deutlich: Der Klang des Wassers – in den Kanälen, am
Meer; der ästhetisierte Klang der Stadt – die Glocken,
die sakralen Innenräume, die Sirenen, die polyphone
Chor-Musik der Renaissance bis zum heutigen sakral-
Pop-Chor; die Bewohner – die überlebenden Gewerke
trotz oder wegen des Tourismus, nicht gesehene Minderheiten
und die Konstruktion von Heimat(en), und
letztlich das Licht, das alle Architekturen, Plätze, Menschen,
Gewässer immer wieder neu in Szene setzt.
Wir beginnen mit den „Glocken von Venedig“, die zu
einer Klangkomposition und Installation werden. Während
vereinbarter Zeiten nehmen die Teams aus Castelfranco
und Mainz Glockenklänge auf, die sich an den
Hauswänden brechen, über die Wasseroberfläche der
Kanäle gleiten oder in die Athmosphäre entweichen.
Zwischendurch die Sirenen der Hochwasserwarnung
und -entwarnung. Weckrufe, klangliche Besänftigung,
Meditation und schrille Gefahr. Im Studio entstehen
aus den Klängen musikalische Kompositionen und visuelle
Szenen, die wie bei all den folgenden Projekten zu
ein- oder mehrkanaligen audio-visuellen Installationen
führen.
Aussterbende Handwerkskunst untersucht die filmische
Bild- und Klangkomposition „Handcrafted Melodies –
Melodie artigianal“: Gondoliere, Bootsmeister, Keramiker,
und natürlich Glasbläser, zeigen die Fertigkeiten, die
nur noch wenige beherrschen. Und die Protagonisten
kommen in der weiteren Dokumentation auch zu Wort.
Das Wasser der Kanäle, das Meer sind das Element,
das die Stadt akustisch wohl am intensivsten prägt und
durch eine Komposition und Installation für 24 Ton-
Kanäle beschrieben wird, deren Titel auf dystopisch
Zukünftiges deutet: „Farewell“.
Wasser, Glas und Licht – Brechungen, Spiegelungen,
Reflexionen in weiteren Kompositionen und symphonischen
und experimentierenden Bildern – bis hin zu der
dosierten Kraft des Wassers, das mit Tinte auf Reispapier
eine eigene grafische Welt erschafft. Zeitpunkt
und -dauer, Gabe und Entnahme spielen hier ineinander
in den Arbeiten der Künstlerin Wu Jiaying.
Der polyphonen Welt der venezianischen Chormusik begegnen
wir in den Aufnahmen des Chores „FEMMINILE
HARMÒNIA“ mit Kompositionen aus dem 16. Jahrhundert.
Die Weitung des Raumes durch die Perspektive im 16.
Jahrhundert entspricht die raumumspannende Dynamik
der mehrchörigen Musik als Parallelerscheinung einer
allgemeinen Geistestendenz. Mit den Proportionen und
Funktionen des architektonischen Raumes verbinden
sich die den Raum umspannenden Klänge verteilt aufgestellter
Chöre; die Musik erhält im Bewusstsein der
Menschen dieser Zeit durch die ausdrückliche Betonung
ihrer Räumlichkeit eine nahezu kosmische Dimension
als Teil des wohlproportionierten Universums, der Zuhörer
wird von diesem Wechselspiel im Raum verteilter
Klangkörper quasi umfangen.
Als äußerer Anlass einer solch strahlenden Musik führen
die gesteigerten Repräsentationsbedürfnisse der katholischen Kirche – die demonstrative Tendenz der
Gegenreformation und das zunehmend feierlichere Zeremoniell
des kirchlichen und öffentlichen Lebens im
Allgemeinen, aber in der Republik Venedig im Besonderen
zur immer prächtigeren Zurschaustellung der Macht
und des Reichtums der Dogenrepublik. In der Folge entstanden
Werke, die den Raum, in dem musiziert wurde,
einbezogen, indem sie auf zwei oder mehr Teil-Ensembles
(so genannte „Chöre“) verteilt waren, die an verschiedenen
Stellen des Raumes standen und teils abwechselnd
aufeinander antworteten, teils sich in Tutti-
Passagen vereinigten und so den ganzen Raum mit
Klangpracht erfüllten.
Eine andere populäre Chormusik bieten die „JOY SINGERS“,
auf die wir im Probenraum in Marghera trafen. In diesem
Industrieort von Mestre lebt auch der Protagonist
des Projekts „My Own“, der mit afrikanischen Wurzeln
hier in Venetien eine Community findet, eine Heimat.
Gemeinsame Soundwalks, Erkundungen mit und ohne
Kamera bei Sonne, Wind und Regen, die Zusammenarbeit
und fruchtbare Ergänzung in internationalen
Teams und das gemeinsame Abendessen, das die Arbeitstage
beschloss, waren die Rahmenbedingungen,
die die Kreativität freisetzen konnte.
Durch dieses Projekt konnten wir erkennen, wie komplex
die Erinnerung an Venedig ist und aus wie vielen
visuellen und auditiven Szenarien sie besteht. Das Wasser
ist sicherlich das emblematische Element der Stadt,
das ihre Einzigartigkeit, ihre Stärke, aber auch ihre
Schwäche repräsentiert. Das Feuer, das notwendig ist,
um die Werke der Glasmeister in den Öfen zu schmieden,
ist auch der Klang und das lebendige Bild der Stadt. Die
Chortradition ist seit Jahrhunderten der Stolz der Region.
Das aufmerksame Zuhören, das für dieses Projekt notwendig
ist, führt zur Entdeckung von Details, die typisch
für das alltägliche Leben sind, aber gerade deshalb oft
in den Hintergrund gedrängt werden, als ob sie in ihrer
gemeinsamen Entwicklung selbstverständlich wären.
Die Arbeit und Projekte zeigen die Komplexität Venedigs
und seinen Reichtum auf nuancierte Weise. Es handelt
sich um viel mehr als nur ein Soundscaping: die klangliche
Untersuchung verschmilzt mit der soziologischen
– mit Natürlichkeit und Leichtigkeit.» weiterlesen» einklappen
Projektteam
- Daniel Stefan Seideneder
- Professor
(Hochschule Mainz)
- Hartmut Jahn
- Prodekan Fachbereich Gestaltung
(Hochschule Mainz)
- Paulo Jorge Ferreira-Lopes
- Professor
(Fachbereich Gestaltung)